Das Bildzitat zwischen Wieder-holung & autonomer Geste

Elena Höckmann – Katalogtext zur Ausstellung ‚Enlightments‘

Die Leinwandarbeiten Enlightments des Künstlers Till Julian Huss nehmen in der gleichnamigen Ausstellung in unterschiedlicher Weise Bezug auf ihren Titel: Zum einen untersucht der Künstler mit Rückgriffen auf die Kunstgeschichte die Entwicklung der Lichtmetaphorik in der Geschichte der Philosophie. Zum anderen thematisiert er auf diese Weise die Darstellungsformen des Lichtes in der Malerei per se und überträgt sie in die Gegenwart. Huss’ Untersuchungen beruhen auf der Annahme, dass seit der Moderne eine Senkung bis hin zur Verklärung des Lichtes innerhalb der Kunst stattgefunden hat. Die Leinwandarbeiten sind Teil eines hauptsächlich in diesem Jahr entstandenen Werkzyklus’, zu denen des Weiteren drei Filme und drei Buchobjekte zählen.

Die Tradition des Kosmischen und Göttlichen mit seinen Ursprüngen in der Antike bildet die bis ins Mittelalter gültige Tradition eines komplexen philosophischen Lichtbegriffes. Auch innerhalb von Darstellungsformen der Kunst bleibt die Idee des Lichtes noch lange dem schwer greifbaren Überirdischen verpflichtet: konfus und allgegenwärtig bleibt es ein erhöhtes Prinzip. Erst im 17. Jahrhundert gewinnt das Licht als Metapher irdischer Aspekte an Bedeutung und die Senkung im doppelten Wortsinn beginnt: Durch die horizontal immer weiter führende pluralistische Auffassungen von Welt, Vernunft, Religion und Leben insbesondere schließlich in der Moderne und Postmoderne, so Huss, kommt es zur Verklärung des Lichtes. Licht ist nun nicht mehr einer höheren Instanz geschuldet, sondern entspricht nun ganz profanen Gesten, wie der Selektion und Manipulation.

Till Julian Huss’ Verfahren entgegnet der augenscheinlichen Klarheit in Komposition und Stil der Bilder mit Komplexität. Die aus zwölf Arbeiten bestehende Werkgruppe zeigt acht Porträts von jungen Menschen in gestellten Positionen, welche auf den ersten Blick ungewöhnlich, fast pathetisch, anmuten. Diese Posen zitiert der Künstler aus Werken der Kunstgeschichte zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert. Er lässt sie von seinen Modellen wieder-holen und isoliert sie auf diese Weise von ihrem ursprünglichen Kontext. Seine Motive erhalten eine neue, metaphorische Präsens, da sie die dem Ursprung entnommene Zeit ignorieren und neue Möglichkeiten der Narration bieten. Dem Betrachter werden auf diese Weise die ihm gegebenenfalls bekannten Attitüden der Figuren wieder neu zur Verfügung gestellt. Trotz minimaler Inszenierung erhalten die Porträtierten andere Rollen und geraten in eine neue persönliche Beziehung zu ihrem Betrachter. So wird die Freiheit aus Eugène Delacroix’ Der 28. Juli – Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden in Till Julian Huss’ 1830 zu einer Demonstrantin der Gegenwart. Doch was ist es genau, was diese prominente Geste trotz der markanten Attribute zu einer zeitgenössischen macht? Statt des Gewehres trägt die Dargestellte ein anderes Requisit: eine Transportrolle für Papierarbeiten. Dieses Requisit ist ebenso in das Zeitgenössische einzuordnen wie ihre Kleidung. Besonders auffällig und irritierend für den Betrachter jedoch ist das Fehlen eines Handlungsrahmens, welcher auf Narration verweist und das extrovertierte Verhalten der Frau erklären könnte. Ebenso ist es bei 1434, auf dem das Jan van Eycks prominentem Gemälde entnommene Paar sich in einer unbekannten Sphäre die Hände reicht und der Eindruck einer Bühneninszenierung entsteht.

Diese Trennung von ihrer Ursprungssituation zeigt das Wiederholte buchstäblich in neuem Licht. Die Wiederholung ist Mittel zum Zweck einer künstlerischen Untersuchung des Lichts, welche von Huss selbst in der Metaphysik Rene? Descartes und dem Postulat Friedrich Nietzsches vom Tod Gottes verortet wird. So ist das Licht von jeglicher göttlichen Metaphorik befreit und stellt stattdessen die artifizielle – von Menschenhand geschaffene – Beleuchtung als technisches Mittel in den Vordergrund. Diese Bewusstmachung der Lichtregie erzeugt – in Verbindung mit der bewussten Auswahl der Motive – den Eindruck einer fotografischen Inszenierung und verweist auf das Verfahren des Künstlers, die Porträtierten zunächst in Szene zu setzen und zu fotografieren, um sie dann zu malen. Einige Motive existiert sowohl in farbiger Ausführung, als auch in schwarz-weiß.

Es ist kein Zufall, dass 1830, dessen Titel auf das Entstehungsjahr des Vorbildes verweist, einen derart theatralischen Charakter aufweist. Dieses von Huss selektiv eingesetzte Licht kann mit der Entwicklung der Lichteffekte seit den 1820er Jahren und der weit herkommenden Wandlung zur immer technischer werdenden Lichtmetaphorik in Verbindung gebracht werden. Die größte Veränderung innerhalb der Lichtmetaphorik des 19. Jahrhunderts besteht jedoch in der Grundannahme, dass die Optik als Ausgangszustand die Dunkelheit annimmt. Das in der Antike etablierte dualistische Grundprinzip von Licht und Finsternis – welche gleichermaßen in Konkurrenz und Abhängigkeit stehen – wird nun aufgehoben. Der Gebrauch von Scheinwerfern im Atelier macht den Zwischenschritt innerhalb der Produktion zu einem unumgänglichen Imperativ, denn er hat die harten Lichtkegel und kontrastreichen Schattenwürfe zur Folge, welche die eigentümliche Atmosphäre kreieren. Vor allem aber entfernt es die Zitate noch weiter von ihren Referenzbildern. Denn es stellt sich die Frage, welche Rolle ein Vorbild noch spielen kann, wenn es seinem Kontext, seinem Stil und seiner Ikonografie entledigt wird. Die Antwort lautet: die Aneignung fremder Bildlichkeit ermöglicht es Huss, Fragestellungen historischer Realitäten zu artikulieren und ihr Verhältnis zueinander zu untersuchen. Ikonografisch erfahren die Bilder eine Emanzipation, welche sie von den alten Meistern trennt. Für den Betrachter bedeutet das jedoch nicht wie in anderen Aneignungsverfahren der Kunst (seit den Siebzigern) das Aufzeigen von Differenzen zwischen Vorund Nachbild oder gar die Dekonstruktion der Referenzen. Enlightments stellt eine autarke Werkgruppe dar, welche in künstlerischer Unabhängigkeit zur Kunstgeschichte steht. Das Zitat der Pose ist lediglich Ankerpunkt für eine zeitliche Verortung einer Untersuchung des Lichtes. Es entsteht eine Zitatkultur innerhalb des Oeuvres, deren Verfahren nur als Instrument, als Werkzeug, als rhetorisches Mittel, zu verstehen ist.